{"id":7870,"date":"2024-12-16T10:41:00","date_gmt":"2024-12-16T09:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carelink.ch\/?p=7870"},"modified":"2026-06-19T16:17:28","modified_gmt":"2026-06-19T14:17:28","slug":"ein-zuhause-auf-zeit-interview-mit-lucas-maissen-leiter-des-schlupfhuus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/carelink.ch\/de\/ein-zuhause-auf-zeit-interview-mit-lucas-maissen-leiter-des-schlupfhuus\/","title":{"rendered":"Ein Zuhause auf Zeit \u2013 Interview mit Lucas Maissen, Leiter des Schlupfhuus"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein kleiner Gummikaktus in seinem Notfallset erinnert Lucas Maissen immer wieder daran, dass die Jugendlichen in seiner Obhut Stacheln ausbilden mussten, um im Leben zurechtzukommen. Im Interview erz\u00e4hlt der Leiter des Z\u00fcrcher Schlupfhuus \u00fcber die traumap\u00e4dagogische Arbeit, das Ankommen und das Weitergehen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Das Schlupfhuus bietet Jugendlichen, die sich in einer Krisensituation befinden, Unterst\u00fctzung und einen sicheren Ort. Was sind die h\u00e4ufigsten Gr\u00fcnde, dass sie bei Ihnen Hilfe suchen?<\/strong><br \/>\nSie alle befinden sich in einer belastenden Situation, in der sie nicht mehr weiterwissen. Die meisten haben mehrere Formen von Gewalt erlebt \u2013 psychische, physische oder sexuelle. Typisch ist auch eine konfliktreiche Beziehung zwischen Eltern und Kindern, zum Beispiel wegen sehr starker Kontrolle oder unterschiedlichen Lebensentw\u00fcrfen. Viele Eltern sind selbst psychisch belastet oder krank. Auch Suchtthematiken, prek\u00e4re finanzielle Verh\u00e4ltnisse und unklare Migrationskontexte spielen eine Rolle. Meistens f\u00fchren mehrere Faktoren dazu, dass die Jugendlichen im Schlupfhuus Schutz suchen.<\/p>\n<p><strong>Man h\u00f6rt immer wieder, es mangle an Unterst\u00fctzungsangeboten f\u00fcr Jugendliche in einer Krise. Wie geht es dem Schlupfhuus diesbez\u00fcglich? <\/strong><br \/>\nDas Problem hat sich in der Tat versch\u00e4rft. Wir haben pro Jahr etwa 150 bis 180 Jugendliche, die einen Platz br\u00e4uchten, aber keinen finden. Die jungen Menschen sind einerseits unabh\u00e4ngiger und besser informiert, zum Beispiel dank der Schulsozialarbeit. Zugleich hat sich ihre psychische Verfassung verschlechtert. Unsere aktuelle Situation einer Multikrise macht etwas mit ihnen, und auch der Schuldruck nimmt zu. Gerne w\u00fcrden wir mehr Pl\u00e4tze anbieten. Wir suchen bereits seit f\u00fcnf Jahren ein geeignetes Haus in Z\u00fcrich f\u00fcr eine zweite Wohngruppe. Jetzt endlich k\u00f6nnte es klappen.<\/p>\n<p><strong>Was passiert als Erstes, wenn sich ein Jugendlicher per Whatsapp oder Mail meldet oder eine Jugendliche bei Ihnen vor der T\u00fcr steht?<\/strong><br \/>\nBeim ersten Kontakt versuchen wir herauszufinden, was die jungen Menschen erleben und wie gross ihre Not ist. Warum wollen sie nicht mehr in der Familie sein \u2013 an dem Ort, der ihnen eigentlich Schutz bieten sollte? Dann geht es um die Frage, ob ein Weggehen von daheim wirklich sinnvoll ist oder ob eine ambulante Beratung gen\u00fcgt. Gerade heute Morgen waren vier Jugendliche hier. Es ist ein schwieriges Abw\u00e4gen: Wer braucht den Platz am dringendsten? Wer kann mit Unterst\u00fctzung noch im Umfeld bleiben?<\/p>\n<p><strong>Informieren Sie die Eltern?<\/strong><br \/>\nJa, das m\u00fcssen wir. Wenn Angst vor Gewalt besteht, k\u00f6nnen wir aber in Absprache mit der Polizei einen Geheimstatus vereinbaren. Dann wissen die Eltern nur, dass sie sich in einer sozialen Einrichtung befinden.<\/p>\n<p><strong>Wie viele kehren sp\u00e4ter wieder heim?<\/strong><br \/>\nEtwa die H\u00e4lfte kehrt wieder zur Familie zur\u00fcck, teilweise mit Begleitmassnahmen wie einem Jugendcoach oder einer sozialp\u00e4dagogischen Familienbegleitung. Wir bieten neu auch ein ambulantes Krisencoaching an f\u00fcr die \u00dcbergangszeit, bis eine L\u00f6sung greift.<\/p>\n<p><strong>Sie unterscheiden im Schlupfhuus die drei Phasen Ankommen, Weiterkommen und Weitergehen. <\/strong><br \/>\nWir sagen bewusst Ankommen und Weitergehen statt wie in Heimen \u00fcblich Ein- und Austritt. Anfangs besteht meistens grosses Misstrauen und ein hohes Bed\u00fcrfnis nach Kontrolle, und viele leiden unter somatischen St\u00f6rungen wie \u00dcbelkeit oder Kopfschmerzen. Das erste Ziel ist es, ein emotionales Ankommen in der neuen Situation und in den neuen Beziehungen zu erm\u00f6glichen und die Jugendlichen psychosozial zu stabilisieren. In der Phase des Weiterkommens geht es um das bessere Verst\u00e4ndnis der eigenen Situation, aber auch darum, was solche Erlebnisse mit Menschen macht. Gemeinsam versuchen wir, maladaptive Bew\u00e4ltigungsstrategien in adaptive umzuwandeln. Die Frage, wie es weitergehen k\u00f6nnte, steht ebenfalls im Raum. Die dritte Phase beginnt dann, wenn sie wissen, wo es als n\u00e4chstes hingeht. Der R\u00fcckblick auf die Ankommensphase hilft ihnen zu erkennen, was f\u00fcr den neuen \u00dcbergang hilfreich sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Sie arbeiten mit traumap\u00e4dagogischen Ans\u00e4tzen und Methoden. Worum geht es dabei?<\/strong><br \/>\nMenschen, die eine chronische Traumatisierung erlebt haben, zeigen im Alltag viele Verhaltensweisen, die sie zwar als Bew\u00e4ltigungsverhalten entwickeln mussten, l\u00e4ngerfristig aber nicht hilfreich sind. H\u00e4usliche Gewalt ist gepr\u00e4gt von Unberechenbarkeit, Geringsch\u00e4tzung, \u00a0Handlungsunf\u00e4higkeit und Hoffnungslosigkeit. Dem setzen wir Transparenz, Partizipation und Wertsch\u00e4tzung entgegen. So erleben sie ein komplement\u00e4res soziales Umfeld. Emotionsregulation und der Umgang mit Stress sind dabei wichtige Themen. Es geht also nicht um die Aufarbeitung ihrer Geschichte, sondern darum, deren Wirkung im Hier und Jetzt zu verstehen, sie gemeinsam auszuhalten und neue Strategien im Umgang damit zu finden. Traumap\u00e4dagogik setzt insofern am Umfeld an \u2013 die Psychologie an der Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p><strong>Sind alle Jugendlichen, die zu Ihnen kommen, traumatisiert? <\/strong><br \/>\nEinige kommen in einer akuten Traumaphase zu uns und haben noch keine Traumafolgen entwickelt. Viele jedoch sind traumatisiert, und gut 40 Prozent erf\u00fcllen die Kriterien f\u00fcr eine komplexe Traumafolgest\u00f6rung. Im Vergleich mit anderen Jugendheimen und Beobachtungsstationen leiden unsere Jugendlichen hochsignifikant h\u00e4ufiger an somatischen Beschwerden, Suizidgedanken und \u00e4ngstlich-depressiven Symptomen.<\/p>\n<p><strong>Ihr Team ist konstant mit schwierigen Themen und Krisen konfrontiert. Was brauchen die Mitarbeitenden, um nicht auszubrennen? <\/strong><br \/>\nDie Geschichten der Jugendlichen sind heftig. Dazu kommt ein grosser Druck von den Elternh\u00e4usern, und die jungen Menschen zeigen die herausfordernden Verhaltensweisen ja weiter. Der Alltag ist unvorhersehbar und gepr\u00e4gt von heftigen Emotionen, pers\u00f6nlichen Krisen und immer wieder auch Eskalationen. Damit das Gef\u00fchl von Ohnmacht und Handlungsunf\u00e4higkeit nicht auf das Team \u00fcberschwappt, braucht es ein gute emotionale Versorgung der Mitarbeitenden. In regelm\u00e4ssigen Fachgespr\u00e4chen reflektieren sie mit der Leitung ihr emotionales Erleben in Bezug auf die Arbeit. Auch auf Teamebene wird dies reflektiert. Dazu kommen Weiterbildungen, Haltungsarbeit und regelm\u00e4ssige Interaktionsanalysen mit unserer Psychotherapeutin. Genauso wichtig ist es, viele freudige, leichte Momente mit den jungen Menschen und im Team zu erleben. Emotional anstrengend bleibt die Arbeit dennoch.<\/p>\n<p><strong>Sie sind auch als Notfallpsychologe f\u00fcr Carelink t\u00e4tig. Was hat Sie dazu bewogen?<\/strong><br \/>\nWir haben es mit Menschen zu tun, die im akuten Geschehen bei uns ankommen, und traumap\u00e4dagogische \u00dcberlegungen decken nicht alles ab. Deshalb habe ich mich zum Notfallpsychologen FSP weitergebildet. Dort bin ich mit Mitarbeitenden von Carelink ins Gespr\u00e4ch gekommen. Ich freue mich, dass ich auf diesem Weg Wissen aus meinem Alltag weitergeben kann.<\/p>\n<p><strong>Eine letzte Frage: Was w\u00fcnschen Sie den Jugendlichen unserer Zeit?<\/strong><br \/>\nVieles. Am meisten w\u00fcrde ich mir w\u00fcnschen, dass sie in dieser\u00a0 Gesellschaft und auf dieser Welt einen Ort finden, wo sie ihre St\u00e4rken und Qualit\u00e4ten ausspielen k\u00f6nnen. Da braucht es eine Gesellschaft \u2013 Menschen, ein Schulsystem, Eltern \u2013 die ihnen den n\u00f6tigen Raum geben. Und es braucht junge Menschen, die neugierig und offen auf diese Welt zugehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-7897\" src=\"https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/maissen_quadr.png\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/maissen_quadr.png 814w, https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/maissen_quadr-300x300.png 300w, https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/maissen_quadr-80x80.png 80w, https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/maissen_quadr-768x768.png 768w, https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/maissen_quadr-36x36.png 36w, https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/maissen_quadr-180x180.png 180w, https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/maissen_quadr-705x705.png 705w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/>Lucas Maissen<\/strong> ist seit 2013 Leiter des Schlupfhuus in Z\u00fcrich. Die Institution nimmt pro Jahr etwa 70 bis 90 Jugendliche station\u00e4r auf; dazu kommen rund 400 ambulante Kontakte pro Jahr. Lucas Maissen hat klinische Heil- und Sozialp\u00e4dagogik sowie Psychologie studiert. Im Schlupfhuus kann er die beiden Professionen optimal vereinen. Daneben ist er Lehrbeauftragter an verschiedenen Fachhochschulen und Universit\u00e4ten und Pr\u00e4sident des Schweizer Fachverbands Traumap\u00e4dagogik. Seit 2020 ist er als Notfallpsychologe und Teamleiter f\u00fcr die Stiftung Carelink im Einsatz und als Kursleiter t\u00e4tig.<br \/>\n<strong><a href=\"https:\/\/www.schlupfhuus.ch\">www.schlupfhuus.ch<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kleiner Gummikaktus in seinem Notfallset erinnert Lucas Maissen immer wieder daran, dass die Jugendlichen in seiner Obhut Stacheln ausbilden mussten, um im Leben zurechtzukommen. 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