{"id":8365,"date":"2025-09-01T11:00:57","date_gmt":"2025-09-01T09:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carelink.ch\/?p=8365"},"modified":"2026-06-19T16:16:27","modified_gmt":"2026-06-19T14:16:27","slug":"interkulturelle-aspekte-im-kontakt-mit-betroffenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/carelink.ch\/de\/interkulturelle-aspekte-im-kontakt-mit-betroffenen\/","title":{"rendered":"Interkulturelle Aspekte im Kontakt mit Betroffenen"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Im medizinischen und therapeutischen Alltag sowie in Krisensituationen betreuen wir Menschen mit unterschiedlichem sprachlichen, soziokulturellen sowie spirituell-religi\u00f6sen Hintergrund. Dies ist oft bereichernd, manchmal herausfordernd, gelegentlich kann es auch zu Missverst\u00e4ndnissen und Konflikten f\u00fchren. Dr. med. Birgit Traichel beleuchtet das Thema aus Sicht der Palliativmedizin.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Herausforderungen bei der Betreuung von Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund k\u00f6nnen sich in unterschiedlichen Bereichen zeigen:<\/p>\n<ul>\n<li>Sprache<\/li>\n<li>Bedeutungen, Codes und Tabus<\/li>\n<li>Kommunikationsstil: linear-direkt (\u00abLow-Context\u00bb) vs. zirkul\u00e4r (\u00abHigh-Context\u00bb)<\/li>\n<li>Sozial akzeptiertes N\u00e4he-Distanz-Verhalten (physisch, visuell, emotional)<\/li>\n<li>Spannungsfeld zwischen Hierarchie und Vertrauen<\/li>\n<li>Verh\u00e4ltnis Individuum versus Gemeinschaft<\/li>\n<li>Beziehung zwischen Mann und Frau<\/li>\n<li>Strategien der Konfliktbew\u00e4ltigung<\/li>\n<li>Umgang mit und Kommunikation \u00fcber Sterben und Tod<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wichtig ist bei diesem Thema in jedem Fall ein hohes Mass an Sorgfalt und Differenzierung, um nicht \u2013 h\u00e4ufig auch unbewusst vorhandene \u2013 kulturelle Vorbehalte und Stereotype zu replizieren. Menschen, auch wir Caregivers \u2013 neigen in einer zunehmend komplexen Welt zu zun\u00e4chst pragmatisch scheinenden Kategorisierungen und Vereinfachungen, die dem individuellen Gegen\u00fcber aber nur selten gerecht werden.<br \/>\nAuch k\u00f6nnen Menschen aus demselben Herkunftsland einen sehr unterschiedlichen biographischen, bildungs- und sozio\u00f6konomischen Hintergrund haben, den wir mit \u201eeinfachen\u201c kulturellen Konzepten nicht erfassen. Und nicht zuletzt besteht die Gefahr, dass Konflikte zwischen Betroffenen und Behandelnden trotz zahlreicher anderer Faktoren vorwiegend als kulturell (fehl)interpretiert werden.<\/p>\n<p>Trotz all dieser Einschr\u00e4nkungen ist ein m\u00f6glichst breites Wissen um kulturelle Eigenheiten und Konstanten \u2013 neben Neugier und Offenheit in der Interaktion mit Menschen aus anderen Kulturen \u2013 ausgesprochen hilfreich. Im Folgenden gehe ich daher auf einige ausgew\u00e4hlte Aspekte der Interkulturalit\u00e4t ein.<\/p>\n<p><strong>Sprache<\/strong><br \/>\nIn vielen Situationen steht \u2013 zumindest auf den ersten Blick \u2013 zun\u00e4chst vor allem die Sprachbarriere im Vordergrund. Ein ungen\u00fcgendes Sprachverst\u00e4ndnis zwischen Betroffenen und Caregivers kann nachweislich die Zufriedenheit mit der Betreuung verschlechtern. Im medizinischen Kontext hat es zum Teil einen massiven Einfluss auf den Outcome zahlreicher Behandlungen. Eine \u00dcbersetzungst\u00e4tigkeit durch Angeh\u00f6rige, die zumeist der j\u00fcngeren Generation angeh\u00f6ren, wird im Alltag aus pragmatischen Gr\u00fcnden h\u00e4ufig praktiziert, kann jedoch mit zahlreichen Fallstricken verbunden sein. So neigen Angeh\u00f6rige in ihrem Wunsch nach Schonung der Betroffenen dazu, vor allem schlechte Nachrichten abgeschw\u00e4cht oder auch gar nicht zu \u00fcbersetzen. Betroffene wiederum k\u00f6nnen aus Scham gegen\u00fcber ihren Zugeh\u00f6rigen relevante Themen verschweigen oder besch\u00f6nigen.<br \/>\nEs wird generell empfohlen, zumindest punktuell in gewissen Schl\u00fcsselmomenten, wie zum Beispiel bei der Diagnoseer\u00f6ffnung einer schwerwiegenden Erkrankung oder bei komplexer Entscheidungsfindung, professionelle \u00dcbersetzende beizuziehen, die idealerweise eine Zusatzqualifikation im Bereich des interkulturellen Dolmetschens haben.<\/p>\n<p><strong>Kommunikationsstile \u2013 Codes \u2013 Tabus<\/strong><br \/>\nZus\u00e4tzlich zur Sprachbarriere k\u00f6nnen auch unterschiedliche Kommunikationsstile und Bedeutungsinhalte das therapeutische Verh\u00e4ltnis komplizieren. Die Kulturanthropologie stellt das Konzept einer explizit-sachbezogenen und zielgerichteten, vorwiegend westlichen Low-Context-Kommunikation einer indirekt-kontextuellen High-Context-Gespr\u00e4chskultur gegen\u00fcber, wobei letztere vor allem in traditionelleren Kulturen gepflegt wird. Bei letzterer wird zun\u00e4chst ein sozialer und emotionaler Kontext zwischen den Sprechenden aufgebaut. Erst im Rahmen dieses Beziehungsgeflechts k\u00f6nnen dann Inhalte \u00abkontextuell-indirekt\u00bb vermittelt werden.<br \/>\nObschon mit der Globalisierung eine Angleichung stattgefunden hat, ist dieser High-Context-Kommunikationsstil vor allem in L\u00e4ndern Ostasiens, im Mittleren Osten sowie in Subsahara-Afrika weit verbreitet, und das Wissen darum kann die Informationsvermittlung sehr erleichtern.<br \/>\nSo ist beispielsweise das direkte Ansprechen von Themen wie Sterben und Tod in vielen High-Context-Kulturen un\u00fcblich, weil es tabuisiert ist oder als offensiv-verletzend wahrgenommen wird.<br \/>\nDennoch ist es \u00fcber einen indirekten (\u00abkontextuellen\u00bb) Weg \u2013 idealerweise im Rahmen einer als wertsch\u00e4tzend erlebten therapeutischen Beziehung \u2013 oft gut m\u00f6glich, den entsprechenden Sachverhalt in einer f\u00fcr die Betroffenen akzeptablen Form zu vermitteln. Dies erfordert unserseits die Bereitschaft, mit Halbausgesprochenem und Angedeutetem umgehen zu k\u00f6nnen. Sehr hilfreich k\u00f6nnen hierbei, wie bereits oben erw\u00e4hnt, kultursensible \u00dcbersetzende sein, welche die entsprechenden \u00abCodes\u00bb beherrschen.<\/p>\n<p><strong>Individuum und Gemeinschaft<\/strong><br \/>\nDas Gegensatzpaar Individualismus versus Kollektivismus wird in der Sozialpsychologie als eine der Dimensionen des kulturspezifischen L\u00e4ndervergleichs aufgef\u00fchrt. Hierbei werden als L\u00e4nder mit einer besonders hohen Auspr\u00e4gung an Gemeinschaftsdenken nebst mehreren L\u00e4ndern Lateinamerikas insbesondere China und der Mittlere Osten aufgef\u00fchrt.<br \/>\nIn unserer westlichen Kultur steht seit mehreren Jahrzehnten das Idealbild des autonom entscheidenden Individuums im Vordergrund, das nach Erhalt aller Informationen und reiflicher Erw\u00e4gung seine Entscheidungen zu entsprechenden Behandlungen selbstbestimmt trifft. Dies ist in vielerlei Hinsicht ein grosser gesellschaftlicher und medizinethischer Fortschritt, allerdings sind auch bei uns nicht wenige Menschen mit diesem Anspruch \u00fcberfordert.<br \/>\nIn vielen traditionell gepr\u00e4gten Kulturen kann eine schwere Erkrankung bzw. Beeintr\u00e4chtigung eines Angeh\u00f6rigen einen deutlichen Rollenwechsel nach sich ziehen. Der bzw. die Betroffene wird durch die Zugeh\u00f6rigen entlastet und von Verantwortlichkeiten und Entscheidungen freigestellt, gleichzeitig hiermit jedoch auch \u00abentm\u00fcndigt\u00bb. Dies kann f\u00fcr manche Menschen erleichternd und tr\u00f6stlich sein, von anderen jedoch auch als bevormundend empfunden werden.<\/p>\n<p><strong>Strategien f\u00fcr die Betreuungsarbeit<\/strong><br \/>\nWie sollen wir als Betreuende mit solchen Situationen umgehen?<br \/>\nH\u00e4ufig ist es bereits hilfreich, die unterschiedlichen kulturellen Konzepte hinter diesen Konflikten zu erkennen \u2013 und es ist spannend, in diesem Rahmen uns auch unserer eigenen Vorstellungen, Pr\u00e4gungen und Konzepte bewusst zu werden und diese gegebenenfalls kritisch zu hinterfragen.<br \/>\nEntsprechende Informationen \u00fcber die Vorstellungen und Kommunikationsstile ethnischer und religi\u00f6ser Gruppen und die Unterst\u00fctzung durch \u00abkultursensible\u00bb \u00dcbersetzende k\u00f6nnen zum Verst\u00e4ndnis hilfreich sein. Am wichtigsten f\u00fcr eine gelingende Verst\u00e4ndigung erscheint immer noch die eigene Haltung: eine Haltung der Offenheit, Zugewandtheit und des Interesses am Anderen sowie die Bereitschaft, sich auch auf gedanklich ungewohntes Terrain zu begeben.<br \/>\nAuch sollten wir \u2013 bei aller Kultursensibilit\u00e4t \u2013 kulturelle Unterschiede nicht \u00fcberbewerten. Die zentralen Gemeinsamkeiten sind generell viel gr\u00f6sser als die Unterschiede. In praktisch allen Kulturen dieser Welt sind die gleichen Werte zentral \u2013 Menschen m\u00f6chten geliebt werden. Gutes tun hat einen hohen Stellenwert. Die Familie ist fast allen Menschen sehr wichtig, ebenso eine Form von Glauben oder Spiritualit\u00e4t. Die meisten Menschen m\u00f6gen Humor \u2013 und als verbindendste Form der Interkulturalit\u00e4t kann uns in manchen Situationen am besten ein gemeinsames herzhaftes Lachen weiterhelfen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-8367 size-square\" src=\"https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/BirgitTraichel_bild-180x180.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"180\" srcset=\"https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/BirgitTraichel_bild-180x180.jpg 180w, https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/BirgitTraichel_bild-80x80.jpg 80w, https:\/\/carelink.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/BirgitTraichel_bild-36x36.jpg 36w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Dr. med. Birgit Traichel<\/strong> ist Leitende \u00c4rztin Palliative Care am Kantonsspital M\u00fcnsterlingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im medizinischen und therapeutischen Alltag sowie in Krisensituationen betreuen wir Menschen mit unterschiedlichem sprachlichen, soziokulturellen sowie spirituell-religi\u00f6sen Hintergrund. Dies ist oft bereichernd, manchmal herausfordernd, gelegentlich kann es auch zu Missverst\u00e4ndnissen und Konflikten f\u00fchren. Dr. med. 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