{"id":2500,"date":"2011-11-11T11:10:08","date_gmt":"2011-11-11T10:10:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carelink.ch\/?p=2500"},"modified":"2026-06-19T09:37:31","modified_gmt":"2026-06-19T07:37:31","slug":"der-tiefere-sinn-der-notfallpsychologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/carelink.ch\/it\/der-tiefere-sinn-der-notfallpsychologie\/","title":{"rendered":"Der tiefere Sinn der Notfallpsychologie"},"content":{"rendered":"<h2>Prof. Dr. Gernot Brauchle an der Carelink-Fachtagung.<\/h2>\n<blockquote><p>Wer sich nach einem einschneidenden Erlebnis notfallpsychologisch betreuen l\u00e4sst, handelt weise. Keine Hilfe von aussen zu beanspruchen, zeugt nicht unbedingt von St\u00e4rke. Diese Erkenntnis ist historisch gewachsen. Gesundheits- und Notfallpsychologe Prof. Dr. Gernot Brauchle* hat die Entwicklung an der Carelink-Fachtagung 2011 eindr\u00fccklich aufgezeigt.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Eine Reise mit der Eisenbahn \u2013 das war im 19. Jahrhundert das Erlebnis der reichen Leute. Doch je mehr sich das Eisenbahnnetz entwickelte, umso h\u00e4ufiger kam es zu Zwischenf\u00e4llen und Katastrophen. Damit nahm sowohl die Zahl schwerer k\u00f6rperlicher Verletzungen und Todesf\u00e4lle zu als auch die der unfallbedingten psychischen Traumata. Die Eisenbahn-Gesellschaften sahen sich mit Klagen von Opfern und Hinterbliebenen konfrontiert, und die \u00c4rzte gerieten vorerst in den Ruf, Handlanger der Transportunternehmen zu sein, die diese vor hohen Schadenersatzzahlungen sch\u00fctzen w\u00fcrden. Sie waren auf jeden Fall gefordert, Simulanten von tats\u00e4chlichen Opfern zu unterscheiden. Die medizinische Wissenschaft, vor allem englische Chirurgen, die in die Behandlung von \u00dcberlebenden nach Eisenbahnunf\u00e4llen eingebunden waren, sahen sich einem neuen, erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftigen Ph\u00e4nomen gegen\u00fcber. Unverletzte und physisch gesunde \u00dcberlebende zeigten eine Reihe von physischen Beschwerden, die augenscheinlich mit dem Ungl\u00fcck in Verbindung standen. So sahen englische Chirurgen die Ursache in den erheblichen Ersch\u00fctterungen des Aufpralls beim Ungl\u00fcck und damit verbundenen, nicht sichtbaren Verletzungen am R\u00fcckenmark. Die L\u00e4sionen des R\u00fcckenmarks waren ihrer Meinung nach Ausl\u00f6ser f\u00fcr die sp\u00e4teren psychischen Symptome. Somit erhielt die \u00abneue Erkrankung\u00bb den Namen \u00abEisenbahn-R\u00fcckgrat-Syndrom\u00bb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Erlebnis des Horrors \u2013 <\/strong><strong>Kriegsneurosen<\/strong><\/p>\n<p>Die Kriegseuphorie vom August 1914 verlockte Hunderttausende dazu, sich kriegsfreiwillig zu melden. Mit dem angek\u00fcndigten Krieg verbunden war die Aussicht, ein Abenteuer, Gemeinschaft sowie Weltgeschichte zu erleben. Doch die Wirklichkeit des Kriegs mit den Schrecknissen der schweren Artillerie, des Stellungskampfs, der Granaten, Schrapnells und Maschinengewehre, der Gewalt von Explosionen, zerfetzter und versch\u00fctteter Menschen und der st\u00e4ndigen M\u00f6glichkeit der eigenen Verletzung und T\u00f6tung ver\u00fcbte eine zerst\u00f6rerische Wirkung auf die Psyche der Kriegsfreiwilligen. Scheinbar ohne k\u00f6rperlichen Befund zeigten \u00abKriegszitterer\u00bb L\u00e4hmungen, Aphasien, Seh- oder Geh\u00f6rst\u00f6rungen oder hatten Anf\u00e4lle von Schmerz und Raserei, f\u00fcr die keine organische Ursache gefunden werden konnte. Die Vorschl\u00e4ge der Psychiater zur Ursache, deren kriegswichtiges Ziel die schnelle Bereitstellung von Kampfkraft war, waren vielf\u00e4ltig. Sie bewegten sich zwischen arglistiger Simulation, hysterischer \u00dcbertreibung und Willensschw\u00e4che oder minderwertigen Anlagen.<\/p>\n<p>Therapiert wurden diese seelischen Ausfallserscheinungen durch Misshandlung, offene Drohung und mit Hilfe der so genannten \u00abKaufmannschen Kur\u00bb. Dabei wurden unter Zuf\u00fcgung extremer Schmerzen mit einem elektrischen Pinsel jene K\u00f6rperstellen bestrichen, die Ausf\u00e4lle aufwiesen. Psychiater leiteten Strom auf erblindete Augen, taube Ohren und gel\u00e4hmte Glieder, sie spreizten Kehlk\u00f6pfe und liessen zwangsexerzieren. Der Terror dieser \u00abKuren\u00bb sollte das Grauen an der Kriegsfront \u00fcberbieten und die Soldaten zwingen, \u00abin die Gesundheit zu fliehen\u00bb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00c4ngstliche Soldaten \u2013 Angstneurose!<\/strong><\/p>\n<p>Auch der Vietnamkrieg traumatisierte ungez\u00e4hlte Soldaten. Gegen Kriegsende wurde von politischer Seite versucht, die Symptome unter dem Begriff der \u00abPost Traumatic Anxiety Neurosis\u00bb zusammenzufassen. Doch konnten die schrecklichen psychischen Folgen des Kriegs nicht auf Grund von zu \u00e4ngstlichen Soldaten \u2013 Angstneurotikern \u2013 erkl\u00e4rt werden. Ausl\u00f6ser f\u00fcr die psychischen Symptome war die traumatisierende Wirklichkeit des Kriegs selbst, die die Soldaten innerlich zerst\u00f6rte. Folglich entwickelte sich Anfang der achtziger Jahre die Bezeichnung der \u00abPost Traumatic Stress Disorder\u00bb, der posttraumatischen Belastungsst\u00f6rung. Damit entstanden umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen \u00fcber akute und andauernde Stressreaktionen wie das Vermeiden von Ausl\u00f6sereizen, beunruhigende Erinnerungen, ein Gef\u00fchl der Unwirklichkeit, ein Sich-losgel\u00f6st-F\u00fchlen von anderen oder episodisch \u00fcberflutende Gef\u00fchle des Unbehagens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Gesundheit bewahren<\/strong><\/p>\n<p>Der amerikanische Soziologe Aaron Antonovsky war es, der die Frage, was einen Menschen krank mache, umkehrte und danach suchte, was ihn gesund halte. Mit anderen Worten: Er setzte der Pathogenese die Salutogenese entgegen. Die Gesundheitspsychologie begann damit an Einfluss zu gewinnen, die Pr\u00e4vention wurde zum wichtigen Thema. Indem entsprechend ausgebildete Laien \u2013 etwa von Blaulichtorganisationen \u2013 psychische Erste Hilfe leisteten, halfen sie nach einem Ungl\u00fcck, die Gesundheit der betroffenen Menschen zu stabilisieren.<\/p>\n<p>Die so verstandene \u2013 und heute noch so definierte \u2013 Notfallpsychologie verdankt ihren Durchbruch einem Zwischenfall wiederum im Transportbereich: 1993, nach missgl\u00fcckter Landung auf dem Flughafen von Warschau, fing ein Airbus Feuer, zwei Menschen kamen dabei um. Jede der 68 \u00fcberlebenden Personen wurde darauf umsorgt und erhielt umgehend Bargeld, um sich Kleider zu kaufen und sich mit dem N\u00f6tigsten einzudecken. Die verantwortliche Fluggesellschaft unterst\u00fctzte sie umfassend \u2013 und verringerte zugleich die Schadenersatzanspr\u00fcche, denen sie sich sp\u00e4ter gegen\u00fcber sah.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Strukturen schaffen<\/strong><\/p>\n<p>Was geht nun eigentlich in einem Menschen nach einem traumatischen Erlebnis vor? Allt\u00e4gliche Entscheidungen trifft der Mensch weniger rational, als vielmehr emotional. Die innere Welt der Gef\u00fchle gibt die Basis, um den Alltag zu meistern. Doch diese innere Welt ist nach einem Trauma kein Richtungsweiser mehr, sondern eine einzige Gefahrenzone. Angst, Hilflosigkeit, Entsetzen \u2013 also pathogene Emotionen \u2013 machen sich breit. Im Sinne einer Ersten Hilfe steht der Notfallpsychologe oder die Notfallpsychologin der betroffenen Person bei, um diese pathogenen Symptome, die krank machen k\u00f6nnen, zu vermindern. Die Notfallpsychologie zielt somit darauf ab, Strukturen in das Leben einer betroffenen Person zu bringen und den Eindruck abzubauen, die Situation sei nicht zu bew\u00e4ltigen. Auch eine Aufkl\u00e4rung \u00fcber unerwartete psychische Reaktionen geh\u00f6rt dazu: Die m\u00f6glicherweise heftigen Gef\u00fchlsregungen einer betroffenen Person sind nichts anderes als eine ganz normale Reaktion auf ein Ereignis, das seinerseits ausserhalb der Norm liegt.<\/p>\n<p>Notfallpsychologische Interventionen sind speziell darauf ausgerichtet, einer betroffenen Person wieder ein Gef\u00fchl der pers\u00f6nlichen Bedeutung, Integrit\u00e4t und W\u00fcrde zu vermitteln und sie dabei zu unterst\u00fctzen, das Gef\u00fchl von Sicherheit, Kontrolle und Vorhersehbarkeit zur\u00fcckzugewinnen. W\u00e4hrend Traumatisierte keine Zukunft mehr sehen, hilft ihnen die Notfallpsychologie geradewegs, eine Strategie f\u00fcr die Zukunft und somit f\u00fcr den Erhalt der Gesundheit zu entwickeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"legende\">* Prof. Dr. Gernot Brauchle ist Gesundheits- und Notfallpsychologe und leitet das Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie an der UMIT Tirol, der privaten Universit\u00e4t f\u00fcr Gesundheitswissenschaften sowie f\u00fcr medizinische Informatik und Technik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich nach einem einschneidenden Erlebnis notfallpsychologisch betreuen l\u00e4sst, handelt weise. Keine Hilfe von aussen zu beanspruchen, zeugt nicht unbedingt von St\u00e4rke. 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